Nannte sich Lenin eher nach der windungsreichen Lena oder nach der erleuchteten Lena ? Er hatte wohl das Selbstbewußtsein eines Erleuchteten, nannte auch das erste Kampfblatt, Искра, die Flamme, der Funken, der die Seelen der Entrechteten entflammen sollte, ein gnostisches Feuer für den kommenden Weltbrand, doch war er ganz undogmatisch immer bereit, das Handeln den ungünstigen Bedingungen anzupassen, flußgleich den Ausweg zu finden aus allen Engführungen. So glich er doch eher der windungsreichen Lena, dem Kindermädchen, das die Revolution, das Baby, durch alle Fährnisse geleitet, zum trüben, blutdunklen Ende hin, beladen mit allem Dreck und Denkmüll, aber immer bereit, auch das an der nächsten Biegung hinter sich zu lassen. So liebte er die Metaphern der Hausfrauenwirtschaft, das ständige Lavieren um den viel zu kleinen Suppentopf; recht eigentlich war er die Hausfrau, die den Patriarchen den Tisch deckt und sich rügen lassen muß, weil das Menü nicht das bestellte ist: Nein, diese Suppe ess‘ ich nicht!
Müllbeseitigung
Eine Bitte an das neue Jahr: verschone uns bitte von der „Sprachbeherrschung“, der „Verstehensbedingung“, „Verstehensleistung“, „Verstehenstendenz“, „Verstehensabzweckung“, „Bedeutungsprägung“, dem „Gegenstandszusammenhang“, „Bedeutungszusammenhang“ und ähnlichem Sprachmüll!
Hirzel Dialog
Heute vor 100 Jahren starb Rudolf Hirzel in Jena. Ein fleißiger, stiller Gelehrter. Sein zweibändiges Werk über den sokratischen Dialog erschien 1895. Eine Grabrede auf eine ausgestorbene Literaturgattung. Glaubt man Wilamowitz, so sollten wir aber nicht klagen, „daß niemand mehr Dialoge schreibt. Wie sollten wir dazu kommen? Wir führen ja keine.“
Frankreich
Eugen Baron von Vaerst (Theaterleiter, Lebenskünstler, Spekulant & Globalisierungsgewinner, der erste Gastrosoph seiner Zeit) berichtet in seinem Pyrenäenbuch von der chinesischen Konkurrenz der Lyoner Seidenweber vor nahezu 200 Jahren (13. November 1844):

Wüßte man sonst nichts, das alles könnte genau so auch in der heutigen Zeitung stehen. Ist Frankreich seitdem untergegangen, von den Chinesen usurpiert? Kleiden sich die Franzosen seitdem in fernöstliche Tücher? Glaubt man dem Front National, gibt es Frankreich ja gar nicht mehr, nur noch als Brüsseler Verwaltungsbezirk bekannt, ist es ein Opfer all der von Vaerst angeführten europäischen Spekulanten. Dabei vergißt Le Pen: Frankreich wurde immer groß durch Fremde: durch den Korsen Nabulione Buonaparte, der erste Globalisierer Europas, später kam Zain ad-Dīn al-Yazīd Zīdān und bald kommt Michel Houellebecq als Moslem und erzieht ganz Frankreich in orientalischer Gelassenheit. Davon will der Front National nichts wissen; er will Frankreich klein, provinziell, Abendland unter anderen Abendländern.
Da Fraktur nicht jedermans Sache ist, hier der Kerntext in Antiqua: „China erzeugt nicht nur eine ungeheuere Menge von Seide, sondern fabriziert auch sehr viel Seidenwaaren; überdem ist dort der Arbeitslohn so gering, daß europäische Spekulanten schon eine große Menge von Seidenwaaren in Kanton anfertigen lassen, nach Amerika senden und nun auch beabsichtigen, Ostindien direkt von China aus damit zu versehen. Die allgemeine Verbreitung chinesischer Seidenstoffe steht nur die sprichwörtlich gewordenen chinesische Geschmacklosigkeit entgegen, während die französischen Dessins so mannigfaltig als geschmackvoll sind. Die Chinesen sind aber die geschicktesten Affen der Welt, und Alles, was der raffinierte Geschmack europäischer Industrie hervorbringt, was überhaupt Menschenhände vorgebracht haben, verstehen sie auf das Allertäuschendste nachzuahmen. So auch die französischen Dessins in den verschiedendsten Seidenzeugen, so daß die Franzosen Nichts voraus haben, als die neueste Mode, was freilich bei Luxusartikeln sehr viel ist.“
Vegetativ
Epiphanie der Pflanzenseele: „… das höchste, das vollendetste Leben nichts als ein reines Vegetieren.“ (Friedrich Schlegel)
Welttag des Buches
Die Fortschritte in der Buchkultur: links der voluminöse Halblederband von 1890, rechts das Pappbändchen von 2009 aus dem Hause Suhrkamp.
Licht & Schatten
Wer möchte schon im Schatten stehen:

Bramscher Bahnhof
Nicht „Bahnhof Bramsche“. Das wäre was für Fahrpläne oder Bahnverwaltungen, mit denen dieser Bahnhof und vieleviele andere im Lande schon lange nichts mehr zu tun haben.So stolz kann man jetzt also sein: Bramscher Bahnhof -, wie Görlitzer, Lehrter, Schlesischer, Anhalter usw., die alle anderswo stehen, nur nicht dort. Der Bramscher Bahnhof aber steht wirklich dort. Und da er mit Bahnhof schon lange nix mehr am Hut hat, darf da auch stehen: GENUSS.

Drogeriearmut
Hier, in Bramsche, soll ein neuer dm-Drogeriemarkt eröffnet werden. Hoffentlich bald! Nur Rossmann ist zu wenig, oder?